Nikon D810 - erste Erfahrungen

Bei Neuerscheinungen im Internet geht es immer ganz schnell, bis die ersten Tests online gestellt werden. Mitunter wird die Kamera ausgepackt, 10 Minuten damit gespielt und dann ein Review geschrieben. Andere machen dies gar, ohne mehr als die Specs der Kamera zu haben.

Ich nehme für mich nicht in Anspruch, einen Testbericht im klassischen Sinn zu schreiben, sondern ich möchte über meine Erfahrungen mit der Kamera in den für mich typischen Einsatzbereichen sprechen. Da ich viel mit Blitz (Elinchrom und Pocket Wizards) arbeite und dabei draußen gerne gegen die Sonne anblitze, fotografiere ich nicht so häufig mit höheren ISO-Werten. Gleiches gilt für meine Landschafts- und Stadtaufnahmen, bei denen dann eher mal das Stativ mit von der Partie ist.

An passenden Stellen werde ich die Kamera mit den beiden Modelle vergleichen, mit denen ich zuletzt fotografiert habe bzw. immer noch fotografiere, der D800E und der D600.


D810, AF-S 18-35mm, Perspektive mit Photoshop korrigiert.
D810, AF-S 18-35mm, Perspektive mit Photoshop korrigiert.

 

Warum ein Update von der D800E auf die D810?


Um nicht falsch verstanden zu werden, möchte ich eines vorweg schicken. Die D800E war und ist eine herausragende Kamera. In Sachen Bildqualität ist der Unterschied zwischen der D810 und der D800E eher akademischer Natur, d.h. in den meisten Fällen kaum wahrnehmbar. Sicherlich ist die neue Kamera noch mal einen Ticken schärfer, beide Kameras können ihr Auflösungspotential aber nur mit wirklich guten Optiken umsetzen.

Mit der D800E hat mich aber aus verschiedenen Gründen eine Hassliebe verbunden, was nicht an der realisierbaren technischen Qualität der Bilder aus dieser Kamera lag, sondern eher im Handling-Bereich. Einige der Bereiche, die zu dieser Hassliebe geführt haben, werden im Verlauf des Textes auch deutlich werden.

 

Griff

Ich habe relativ kleine Hände, die am Griff der D810 durch die andere Ausformung im Bereich des Mittelfingers deutlich mehr Halt finden, was ich sehr angenehm finde, wenn man die Kamera länger in der Hand hat. Dazu trägt auch die etwas andere Ausformung der Kamera im Daumenbereich bei. Ob sich die andere Form des Griffes auch auch die Stabilität der Gummierung auswirkt (die sich bei der D800E nach 1 ½ Jahren unterhalb des vorderen Einstellrades etwas zu lösen begann) bleibt abzuwarten. Die D810 kommt jetzt näher an die Canons und Sonys Vollformat Alphas ran, die besser in meinen Händen liegen als die D810. Aber da ich seits Jahren bei Nikon bin und ein Kamerasystem mehr ist, als die Frage, ob eine Kamera gut oder so là là in der Hand liegt, waren 5D MK III und Sony Alpha 99 nie eine ernste Alternative, wenngleich sie toll in der Hand liegen. Da hat Nikon nun mit der D810 und noch viel mehr mit der D750 Boden gut gemacht.





ISO 64

Ist für mich eine der spannendsten Neuerungen in der Kamera. Warum? Beim Blitzen draußen ergibt sich bei einer 1/250s, ISO 100 und Gegenlicht häufig eine Blende zwischen 8-16. Bei ISO 64 gewinnt man dann 2/3 Blende, die man das Objektiv weiter öffnen kann. Bei Kurzzeitsynchronisation (mit der Elinchrom Blitzanlage bzw. den Nikon Speelights) kommt man bei gleicher Helligkeit und Blenden um 1,4-2,0 schnell in Bereiche um die 1/4000-1/8000s. Diese Verschlusszeiten sind in Verbindung mit Blitzlicht aus mehreren Gründen nicht ganz unproblematisch, weil sich Helligkeitsverläufe im Bild zeigen können und weil die effektive Blitzleistung dann nur noch ein Bruchteil der eigentlichen Leistung ist (das meiste Licht trifft dann den Sensor nicht mehr, da dieser ja nur sehr kurz vom Verschluss frei gegeben wird). Bei ISO 64 kann ich in diesen Situationen mit etwas längeren Verschlusszeiten von ca. 1/2500-1/5000s arbeiten, was die Gestaltungsmöglichkeiten erhöht.


Hinzu kommt, dass gerade ISO 64 ein hervorragendes Nachbearbeitungspotential liefert, da man Schattenpartien wunderbar aufhellen kann, ohne dass das Rauschen schnell störend wird. Hier sehe ich persönlich einen sichtbaren Vorteil gegenüber der D800E, die allerdings die ISO 64 auch nicht nativ liefern kann. Bei ISO 100 verhalten sich beide Kameras in der Nachbearbeitung weitgehend ähnlich.

 


D810, AF-S 1,8/85mm, Blende 2,2
D810, AF-S 1,8/85mm, Blende 2,2

Live View

In der Landschafts- und Stadtfotografie arbeite ich gerne mit Live View. Man kann damit präzise manuell fokussieren und den Schärfenverlauf im Bild durch Vergößerung in verschiedene Bildbereiche beurteilen. Auch Objektivschwächen, beispielsweise eine Bildfeldwölbung, und deren Auswirkung kann ich dann besser einschätzen und z.B. den Fokus bei einer Aufnahme, bei der Rand und Mitte wichtig sind, soweit verschieben, dass beide Bereiche ausreichend scharf sind. Nun war der Live View bei der D800E (wie auch bei der D600) keine Offenbahrung und gerade bei schwachem Licht sehr griselig. Präzises manuelles Fokussieren bei Offenblende war da immer etwas kniffelig. Der Live View der neuen D810 ist in 100% Ansicht deutlich schärfer geworden und ist daher in der Bedienung erfreulich unkompliziert. Der Schärfepunkt springt nun beim Fokussieren deutlicher ins Auge, als bei der Vorgänger-Generation.


Elektronischer erster Verschlussvorhang

Klang für mich zunächst wie ein Gimmik, ist aber eine wirklich gut funktionierende Möglichkeit, letzte Vibrationen bei kritischen Aufnahmen zu vermeiden und damit ein Maximum an Schärfe zu realisieren. Am deutlichsten fällt das bei Aufnahmen auf, die in Bereichen zwischen 1/30-1s entstehen (wobei diese Zeiten je nach Brennweite variieren dürften).


AF

Das AF System der D800E und der D810 sind technisch eng miteinander verwandt; beide nutzen 51 AF Sensoren, von denen 15 Kreuzsensoren sind. Die AF-Empfindlickeit wurde bei der D810 aber nochmal verbessert. Hinzu kommen die aus der D4s bekannten Funktionen wie Group-Area AF und der neue Prozessor. Alles in allem habe ich den Eindruck, dass die D810 in Sachen AF etwas agiler ist als ihre Vorgängerin. In Sachen AF Präzision (ich hatte bei der D800E das Problem mit den dejustierten bzw. ungenauen AF Sensoren auf der einen Randseite) bin ich bislang sehr zufrieden. Informationen zur persönlichen Konfiguration dieses AF Systems finden sich immer mal wieder im Netz, zum Beispiel auch bei Gunther Wegner, www.gwegner.de.


Keine Hänger der Kamera

Die D800E hat sich ab- und an aufgehängt. Dann leuchtete die Lampe, die während der Speicherung auf den Karten angeht, deutlich länger als gewöhnlich und die Kamera ließ einige Funktionen nicht zu. Bei der neuen Kamera ist mir ein solches Verhalten bislang nicht aufgefallen. Mit einer Ausnahme kann man mit ihr sehr flüssig arbeiten, die Kamera diktiert dem Fotografen keine solchen sporadischen Pausen.


Lichterbetonte Spotmessung

Eine interessante Ergänzung der Belichtungsmess-Modi. Anders als die normale Spotmessung ist diese Messung nicht an ein AF Feld gekoppelt. Der Belichtungssensor analysiert das ganze Bild und belichtet auf den hellsten Punkt im Bild genau so, dass dieser Punkt noch Zeichnung hat. Das führt zwar häufig zu Bildern, die auf den ersten Blick vielleicht zu dunkel erscheinen. Durch die großen Reserveren in den Schattenbereichen, die aber der Sensor der D810 liefert, kommt man in der Nachbearbeitung in der Regel zu guten Bildern ohne ausgefressene Lichter. Ich habe bislang gute Erfahrungen damit gemacht, diese lichterbetonte Spotmessung mit einer +/- Korrekur von etwa +1 Blende zu kombinieren.


Geräusch der Kamera

Die D800E oder auch die Vorgängergeneration wie die D700 waren in Sachen Geräuschbildung sehr kernige Kameras. Das Auslösegeräusch mag zwar den Eindruck von Solidität vermitteln und an Boliden wie die F4 erinnern, in vielem Situationen ist es aber störend. Schon die D600 (erst recht die D610) waren deutlich zurückhaltender, und die D810 ist diesbezüglich eine sehr gelungene Weiterentwicklung. Ihr Auftreten ist deutlich dezenter.

Nikon selbst sagt, dass neben dem Geräusch auch die Vibrationen der Spiegelmechanik deutlich gedämpft wurden und somit der Einfluss des Spiegelschlags auf Verwacklungen minimiert wurde. Da ich viel mit Stativ oder eben Blitz arbeite, kann ich dazu derzeit noch nicht viel sagen. Nur soviel: mein subjektiver Eindruck bislang ist, dass die Kamera bei Auslösen etwas ruhiger in der Hand liegt.




D810, Tokina 100mm, Blende 11, Pocketwizards und SB 900
D810, Tokina 100mm, Blende 11, Pocketwizards und SB 900

D810 und Pocket Wizard im Blitzeinsatz

Die Pocketwizard Sender/Empfänger Mini TT1 und Flex TT5 erlauben es, die Nikon D810 mit aktuellen Nikon Blitzen (derzeitig: SB600, SB700, SB800 und SB900/910 mit Einschränkungen: SB400) bei voller I-TTL Funktionalität zu betreiben. Anders als bei Nikon selbst, wird bei den Pocket Wizard das Signal per Funk übertragen, so dass gerade unter freiem Himmel die Signalqualität besser ist, so dass Kamera und Blitz weiter voneinander entfernt sein können. Darüber hinaus kann man die Pocketwizards auch mit Studio-Blitzen oder Porties verwenden. Ich selbst nutze einen Elinchrom Ranger RX mit S-Kopf mit einem speziellen Pocketwizard Empfänger, dem ST-4. Damit kann ich Kamera und Blitz bei allen Zeiten einsetzen, und das bei nur sehr geringen Helligkeitsverläufen. Genauere Informationen zur Kompatibiltäten und zur Technik generell findet man auf www.pocketwizard.com und dem sehr informativen Blog. An dieser Stelle nur soviel: genau wie D800E und D600 harmoniert die D810 hervorragend mit den Sendern, bietet aber durch ISO 64 und Blitzsynchronzeit von 1/250s mehr Flexibilität im Einsatz mit den Elinchrom Blitzen als die anderen beiden.


 

 

 


Was mir nicht so gefällt!

Das Ansprechverhalten der Plus/Minus Tasten zum Rein- oder Rauszoomen gefällt mir nicht. Sie scheinen mit etwas Verzögerung zu reagieren, was bei D800E und D600 nicht der Fall ist. Zwar kann man sich die 100% Ansicht auf die Mitteltaste der Wippe legen und erspart sich dann das bei der D600 nötige Einzoomen. Aber hier hätte ich mir gewünscht, dass die Kamera sich etwas agiler verhält und reagiert.


 

 

 

 

 

Mein vorläufiges Fazit:

Während der SB910 und die D610 in der Tat nur recht kleine Updates waren, die eigentlich eher der Fehlerbehebung dienten (Überhitzungsproblem beim SB900 und Problem mit Sensordreck durch Verschlussabrieb bei der D600), sollte man nicht den Fehler machen und für die D810 ähnliches vermuten.

Hier gibt es deutlich mehr Veränderungen, die über das, was ich oben beschrieben habe, weit hinausgehen (z.b. höhere Bildrate, bessere Akkulaufzeit, neuer Bildstil „Ausgewogen“, Sensor ohne AA Filter, neue Videofunktionen …). Insofern halte ich die D810 für ein durchaus signifikantes Update, das demjenigen, der eine oder mehrere dieser Funktionen benötigt, durchaus Mehrwert bietet.

Die D800/D800E macht dies keineswegs zu einer schlechten Wahl, zumal sie auf dem Gebrauchtmarkt derzeit recht günstig zu haben sind und so Geld für andere Sachen bleibt. Ich habe einen ähnlichen Eindruck wie Nasim Mansurov in seinem Test der Kamera ( www.photographylife.com ), wenn er schreibt, dass die D800 eine wirklich revolutionäre Kamera für Nikon war, die verglichen zur D700 einen deutlichen Paradigmenwechsel darstellt und die durch die hohe Auflösung Probleme (z.B. AF Genauigkeit, Reaktionsschnelle trotz hoher Belastung des Prozessors durch Datenmengen, Verwacklungen durch Spiegelschlag) mit sich brachte, mit denen man vorher vielleicht nicht in dem Maße gerechnet hatte. Die D810 profitiert nun deutlich von den Erfahrungen, die Nikon in den letzten beiden Jahren mit der D800 sammeln konnte und ist damit in meinen Augen die etwas ausgereiftere bzw. erwachsene Kamera.

 

 

Bin gespannt darauf, wie sich die Kamera in den nächsten Monaten schlägt und werde dann hier weiter berichten.


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Kommentare: 3
  • #1

    juergen (Samstag, 06 Dezember 2014 23:31)

    Hallo Christoph,
    danke für Deinen Bericht über die D810, ich fand ihn praxisbezogen informativ. nach 4 Jahre D70 und 2 Jahre D7000 ziehts mich ins fx-Lager.
    Eigentlich schwanke ich zwischen D610 und D750 . Ich mache öfters Sportaufnahmen in Hallen, da kommt man mit der 7000er schnell ans Limit
    hierzu brauche ich einen schnellen AF und einen rauscharmen Sensor. Nun hast Du mich mit Deinem Bericht auf den 8er geschmack gebracht...

    gruss

    Jürgen ( jwdeden@aol.com )
    ps. viele Deine Bilder gefallen mir sehr gut...

  • #2

    Johannes (Dienstag, 10 Februar 2015 12:52)

    Hallo Christoph,

    vielen Dank für diesen guten Beitrag!

    Grüße,
    Johannes

  • #3

    Jan (Mittwoch, 22 April 2015 13:57)

    Hallo Christoph,
    ich bin zufällig über deinen Erfahrungsbericht gestoßen, vielen Dank dafür.

    Auch ich bin von der D800E auf die D810 umgestiegen. Die Verbesserungen sind sinnvoll und naheliegend - revolutionär anders ist die Kamera aber nicht.
    Als zweiten Body habe mir eine D750 gekauft. Die Kamera hat mich weit mehr beeindruckt, das Rauschverhalten ist bei wenig Licht wirklich der Hammer. Die Auflösung/Dateigröße ist gegenüber der D800 (welche auch immer) vernünftig.

    Gruß, Jan