Nepal - never Ending Peace and Love?

Never Ending Peace And Love - mit diesem Satz bewirbt sich Nepal gerne selbst. Man findet ihn auf T-Shirts, an Lodges. Für Touristen ist dieser Satz allgegenwärtig. Und wenn man dann noch in einem Restaurant sitzt und dabei eine moderne Musikversion des "Om man padme hum" hört, während man seinen Illy oder Lavazza Kaffee schlürft, dann könnte man meinen, dass dieser Satz den Nagel auf den Kopf trifft.

Und in der Tat bin auch ich hin- und hergerissen. Auf den Wanderungen im Annapurna- und Everest-Himal scheint Vieles davon zu passen, man erlebt Tage mit irrsinnig vielen schönen Eindrücken, und abends in der Lodge führt man mehr oder weniger tiefsinnige Gespräche mit den Guides oder Reisenden aus aller Herren Länder. Man begegnet spannenden Menschen, die einen mit einem Lächeln entgegentreten, das in Nepal vielerorts noch mehr wert zu sein scheint als in unserer westlichen Welt.

Never Ending Peace and Love? Die letzten beiden Monate haben auch Anderes gezeigt. Seit dem 23.9. sind Treibstofflieferungen nach Nepal deutlich reduziert, und mittlerweile sind Benzin, Diesel und Gas zum Kochen wirklich knapp. Privat-PKW fahren kaum noch, auch das Angebot an Bussen wird mehr und mehr reduziert. Ärzte in Krankenhäusern klagen über die Zeitung, dass der Vorrat an wichtigen Medikamenten vielerorts zur Neige geht. Auslöser dieser Blockade ist die Verabschiedung der neuen Verfassung in Nepal, das sich als föderaler Bundesstaat organisieren will. In der Verfassung wurde auch festgeschrieben, dass Nepal kein Hindustaat ist. Die Rechte der Regionen und eben dieser Satz haben sowohl Indien als auch die Einwohner des im Süden Nepals gelegenen Terai zu Protesten animiert. Im Terai gibt es nach wie vor Unruhen, Grenzübergänge werden blockiert.

Folge dieser Treibstoffkrise ist, dass man kaum Güterverkehr im Lande hat, dass Firmen allmählich die Rohstoffe ausgehen, so dass sie ihre Produktion drosseln oder ganz einstellen müssen. Lebensmittel aus Indien werden knapp und dementsprechend teurer. Und das in einem Jahr, das bedingt durch das Beben eine schlechte eigene erste Reisernte lieferte. Viele Privathaushalte müssen zwangläufig mit Holz kochen, da sie an keine Gaskartuschen herankommen. Auch gibt es Berichte, dass Hilfsorganisationen, die die Erdbebenopfer unterstützen, derzeit nicht mit voller Leistung arbeiten können, weil Treibstoff fehlt. Peace and Love stelle ich mir anders vor.

Allerdings sieht man in dieser Krisensituation auch einen großen Zusammenhalt. Man organisiert Fahrgemeinschaften dort, wo noch etwas Benzin im Tank ist. Man kocht gemeinsam mit Nachbarn, um Ressourcen zu sparen. Und man feiert die Feste des Landes genauso ausgelassen, als hätte es kein Beben gegeben und als würde die Treibstoffkrise nicht existieren. Wer in einem Bus keinen Platz mehr im Fahrzeug bekommt, sitzt stundenlang auf dem Dach und zahlt ohne zu murren den gleichen Preis. Der Umgang der Menschen mit dieser Krise, die ernst genommen wird, der man aber mit einer gewissen Gelassenheit gegenüber tritt, beeindruckt mich tief.

Ein anderes Beispiel. Vergangene Woche bin ich zwei Tage mit Kindern aus einem Waisenhaus und den Betreuern südlich der Annapurna-Kette gewandert. Die Stimmung war ausgelassen, wir haben viel gelacht und hatten zwei gute Tage. Das Team ist wirklich liebevoll mit den Kindern umgegangen und konnte eine Atmosphäre der Geborgenheit schaffen. Aber alleine in Pokhara gibt es dutzende Waisenhäuser, und das zeigt, dass Nepal neben wunderbarer Natur und lächelnden Bergmenschen auch reale Probleme hat, die dringend einer Lösung bedürfen. Zwar sind die Gründe für den Aufenthalt der Kinder im Waisenhaus verschieden (Tod der Eltern durch Krankheit oder bei Unruhen, Erkrankungen der Kinder, Verwahrlosung, Missbrauch ...) in allen Fällen zeigt sich aber, dass nur dann ein soziales Sicherungsnetz existiert, wenn die Familie intakt ist. Ist das nicht der Fall, dann bleiben oft die Schwächsten, und das sind meist Kinder, auf der Strecke.

So bin ich in Nepal immer wieder hin- und hergerissen. Einerseits liebe ich das Land, seine Kultur und Menschen. Mich beeindruckt, das Anhänger verschiedener Religionen weitgehend friedlich nebeneinander leben und mitunter sogar die gleichen Tempel/Heiligtümer besuchen. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen ist immer wieder aufs Neue überraschend.

Andererseits sind da die Konflikte, die seit dem Tod des Königs vor etwa 10 Jahren an Schärfe gewonnen haben und die die beiden großen Nachbarn, China und Indien, immer wieder instrumentalisieren, da beide Staaten ihre eigenen Interessen in Nepal verfolgen. Die letzten beiden Monate haben Erlebnisse mit sich gebracht, die mitunter etwas nervig (z.B. 3 Stunden Warten auf Diesel während der Fahrt ins Everest Gebiet) aber in keiner Weise mit Gefahren verbunden waren. Vielmehr habe ich erlebt, dass viele Nepali auch unter eigenen Entbehrungen bemüht waren, die Folgen der Krise für Besucher des Landes so gering wie möglich zu halten. Und das in einer Art und Weise, die einen mehr als einmal fast beschämt zurück gelassen hat.

Werde ich Nepal wieder besuchen? Auf jeden Fall! Neben den wunderschönen Bergen mit einzigartiger Landschaft sind mir viele Menschen ans Herz gewachsen. Und so wünsche ich mir, dass Nepal es schafft, mehr politische und soziale Stabilität zu erreichen. Dann kann der Werbeslogan vom "never ending peace and love"  deutlich realer werden. Die Menschen, die das umsetzen könnten, hat das Land auf jeden Fall.

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter Spinner (Montag, 17 April 2017 16:16)

    Vielen Dank für diese Zeilen die sehr treffend sind! Bin den ganzen Fevruar 2017 in Nepal gewesen und war total beeindruckt von genau all disen Eigenschaften der Menschen wie Du sie beschreibst.
    Hoffen wir dass das Land einer besseren Zukunft entgegengehen darf. Es hat es verdient!
    Herzlicher Gruss
    Peter

    www.dein-mietbus.ch