· 

Hot Iceland - Landmannalaugar, neuer Vulkan und Weg zurück zu sich

Braucht man einen Vulkan zur Selbstfindung? Sicherlich nicht! ;-)

Die letzten Tage haben mich aber innerlich bewegt und trotzdem zur Ruhe kommen lassen. Vielleicht liegt es an den Naturgewalten, die einen erschaudern und die Begrenztheit der menschlichen Existenz spüren lassen.

Vielleicht liegt es auch an den Wanderungen in  der verwunschenen Bergwelt Landmannalaugars sowie zum neuen Vulkan am Fagradalsfjall, die einen sich selbst anders wahrnehmen lassen.

In beiden Fällen müssen die Sinne auf das, was im wahrsten Sinne des Wortes vor einem liegt, den Weg, fokussiert sein, und andere Gedanken werden faktisch automatisch abgestellt.

Nachdem Marcus im Flieger heim nach Frankfurt saß, bin ich morgens von Gardur nahe des Flughafens Richtung Selfoss gefahren und habe dort mit Andy aus Ludwigshafen einen Bekannten und seine Reisebegleitung getroffen. Gemeinsam sind wir über den Haifoss und die Sigölduglúfur Richtung Landmannalaugar gefahren; einen Ort, dessen magische Ausstrahlung ich liebe. Man meint förmlich, auf einem anderen Planeten zu sein. So unwirklich sind die Farben der umliegenden Berge.

Andy und seine Reisebegleitung haben sich nach ein paar Stunden vor Ort entschieden, nach Selfoss zurückzufahren. Mein Plan war in Landmannalaugar das Zelt aufzuschlagen und vor allen Dingen das Abendlicht dort zu genießen und am nächsten Morgen eine Wanderung zu machen. Leider zogen just in dem Moment, in dem ich das Zelt aufschlagen wollte, ein Gewitter und Regen auf und verwandelten den ohnehin abenteuerlichen Zeltplatz, dessen Boden einem ausgetrockneten Flussbett aus Kies und Steinen gleicht, in eine Ansammlung von Steinen und Pfützen. So beschloss ich, im Wagen zu übernachten, was zwar ungemütlicher, aber dafür trocken war. Abends gaben die Wolken der Sonne noch einmal kurz ein paar Chancen, so dass sie ihr zauberhaftes sanftes Licht auf die Berghänge zaubern konnte. Ein erhebender Moment.

Am nächsten Morgen habe ich die Runde um den Bláhnukúr und die Brennsteinsalda gemacht. Zunächst ein steiler Anstieg über losen Schotter und Geröll an den Hängen, die je nach Licht die Farbe von grün-grau auf blau-grau wechseln. Ein Schritt vor und gefühlt einen halben Schritt zurück. Erstmal einen Rhythmus finden, sich eingrooven. Und wieder lernen, jeden Schritt bewusst zu setzen (am Gullfoss hatte es mich auf den Wegen hingelegt, die extra für Touristen hergerichtet und betoniert worden waren). Und den Wind um die Nase und die wunderbaren Ausblicke genießen und den eigenen Körper anders zu spüren, als bei einem Tag am Schreibtisch oder am heimischen Rechner. Eben voll und ganz im Hier und Jetzt zu sein und einen klaren Fokus auf sich, die Umgebung und die Beschaffenheit des Weges zu haben. Der Anstieg bracht mich ordentlich ins Schwitzen aber hat irgendwie auch "Schlacken" gelöst und mich befreit.

 

"Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen absolut nichts getan werden kann. Der eine heißt gestern und der andere heißt morgen. Also ist heute der passenden Tag zum Lieben, Denken, Tun und vor allem Leben." - Dalai Lama

 

Den Rückweg von Landmannalaugar über den sog. Fjallabaksleid nydri hatte ich eigentlich so geplant, dass ich sowohl die Sigölduglufur-Schlucht als auch den Haifoss noch einmal bei tiefer stehender Sonne als am Vortag fotografieren wollte. Aber an der Schlucht angekommen, ging ein Gewitter runter, wie ich es in Island noch nicht erlebt hatte. Es ist eben die Natur, die vorgibt, was geht und was nicht. Auf den letzten Kilometern der Schotterpiste gingen regelrechte Sturzbäche über die Piste, ich war heilfroh, mit dem Dusterchen einen Allradantrieb zu haben. Auch der nur wenige Kilometer von der Schlucht entfernte Haifoss steckte tief in schwarzem Wolkengewand und Blitze gingen runter.

So ging es dann doch zurück direkt nach Selfoss, wo ich nach einem Essen mit Andy und Daria, seiner Reisepartnerin, bei beiden in einem sehr großzügigem Cottage im "Kinderzimmer" übernachten durfte. Ein schöner Abend, für den ich sehr dankbar bin.

Die Nacht danach habe ich am Geysir verbracht, auf dem Campingplatz direkt neben den ganzen heißen Quellen. Und während tagsüber dort richtig "Action" ist, habe ich zum Sonnenaufgang (der ja nach mitteleuropäischen Verhältnissen mitten in der Nacht liegt) eine gute Stunde völlig alleine an dieser wunderbaren Springquelle gehabt. Dann hat der Ort noch mal eine ganz eigene Magie, zumal das Morgenlicht schön ist. Die Bilder dazu finden sich aber im Post zum Geysir, da sie dort besser passen.

Eigentlich war mein Plan, mich vom Geysir über Thingvelloir und das Kaldidalur (die Hochlandpiste namens "Kaltes Tal" nach Husafell und von dortaus weiter nach Stykkisholmur zu orinientieren. Die Fährüberfahrt hatte ich schon gebucht. Dann aber haben die isländischen Behörden den Zugang zum zwei Tage zuvor neu ausgebrochenen Vulkan am Fagradalsfjall freigeben, so dass ich spontan Richtung Grindavik gefahren bin.

Ich dachte, ich wäre ein "early bird", aber weit gefehlt. Der Wanderparkplatz war gut gefüllt, und die etwa 10km Wanderweg bzw. Jeeppiste glichen einer mittleren Völkerwanderung. Die ganze Landschaft war von Rauch überzogen, der aber nicht vom Vulkan direkt stammte, sondern von brennendem Moos, das der Lavastrom entfachte. Die Reykjanes Halbinsel ist ja eher karg, und so war die Wanderung auch eher etwas für Minimalisten, die ein Faible für den Hauch von Nichts haben. Als dann aber nach knapp 2 Stunden und 9km der Krater mit der kochenden Lava plötzlich schemenhaft im Dunst erkennbar war stiegt mein Puls unmittelbar.

Es gibt solche Momente, in denen wir unser Menschsein neu einordnen. Der Anblick des Vulkans war ein solcher und ich kann das bislang nur mit der Sonnenfinsternis 1999 oder dem Blick auf den Mount Everest vergleichen. Momente, in denen sich die Natur in voller Kraft, Schönheit aber auch Brutalität zeigt. Momenten, in denen man sich gleichsam erhaben und bescheiden fühlt und als Teil des Ganzen verstehen.

 

"Wahre Demut beunruhigt, verwirrt und stört die Seele nicht, sondern bringt ihr Frieden, Trost und Ruhe" -  Teresa von Avila (1515-1582)

 

Der Rückweg war genauso unspannend wie der Hinweg, aber beseelt von den Eindrücken vom Vulkan.  Ein toller Moment, der erschaudern lässt und nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.

Die letzen Tage waren Tage, in denen ich mich wieder ganz neu gespürt habe. Corona, das Büro, die Sorgen des Alltags - alles vergessen, Menschsein pur mit den wichtigen Bedürfnissen nach Essen, Bewegung, Begegnungen und Natur. Die letzten beiden Wochen, die Zeit mit Marcus und insbesondere jetzt die Tage in Landmannalaugar und am Vulkan haben mich irgendwie neu justiert und so viele Erlebnisse mit sich gebracht, die sich bei mir eingebrannt haben. Dafür bin ich dankbar und schaue mit Neugier auf den Moment und das, was kommen wird.

 

Nachtrag: Heute (13.7.23) haben die isländischen Behörden den Zugang zum Vulkan wieder beschränkt. Auf der Seite Vulkane.net wird berichtet, dass die Rettung- und Ordnungskräfte ob des Ansturms an ihre Grenzen kamen. Zudem wird berichtet, dass einige mit Hin- und Rückweg (insgesamt etwa 20km) überfordert waren und einige die frische Lava, die zwar schwarz aber nur oberflächlich etwas abgekühlt und damit nicht stabil war, trotz Warnhinweisen betreten haben. Beides habe ich auch erlebt. So sehr mich das Naturschauspiel fasziniert hat, so irritiert hat mich dieses Verhalten. Naturgewalten mit dem nötigen Respekt zu begegnen ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.